Schriftsteller Heinrich Rahn


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Pryanka

Kurzgeschichten



Pryanka

Eine Roma-Saga, die mir mein Kater unterwegs zumurrte


(Ausschnitt aus einem langen Text. Die Vorgeschichte: Es geschah im Sommer 1947. Unsere Familie wurde von den Sowjets aus Deutschland nach Nordrußland verschleppt. Mein Vater kam für 25 Jahre ins Gefängnis. Um zu überleben, mussten wir in einen anderen Dorf Iwanjkowo umziehen, wo es Arbeit für meine Mutter und Bruder gab. Im folgenden Text geht es um diese Reise. Damals war ich knapp vier Jahre alt.)

Die Entfernung von der großen Siedlung Kastowo nach Iwanjkowo, einem winzigen Dreihäuserkaff, betrug ungefähr sieben oder acht Kilometer. Der Waldweg schlängelte sich entlang des Flusses Kastowka, wobei jeder Straßenabschnitt einen eigenen Name besaß. Diese Bezeichnungen stammten noch aus uralten Zeiten, als es noch keine Kilometervermessungen gab. Die Namen deuteten auf irgendwelche Ereignisse oder Merkmale der Gegend hin. Es gab folgende Abschnitte zwischen Kastowo und Iwanjkowo: Pitschewo (Vögelchen), Gremjatschij Kljutsch (rauschende Quelle), MalenkajaPryanka (kleine Pryanka), BolschajaPryanka (große Pryanka), Dewka (Mädel), Dubowo (Eiche), Papin Bor (Vaters Haien), TriKastowa (drei Kastowa), GlubokijOmut (Untiefe). Diese Kombinationen von unterschiedlichen Namen trugen dazu bei, die nachfolgende Geschichte zu erschaffen...

Frühmorgens zog unser Treck los, unserem neuen Wohnort entgegen. Ich und Tante Anna saßen im Kastenwagen. Um uns herum lagen unsere wenigen Sachen, unseren Kater hielt ich fest im Arm. Das braune Pferd namens Musa zog den Wagen allein. Meine Mutter und meine Geschwister gingen neben dem Wagen zu Fuß. Der Waldweg führte uns zur ersten Stelle „Pitschewo“. Dieser Name war mal aus dem Wort Pitschuga abgeleitet worden, was „Vögelchen“ bedeutet. Und tatsächlich hörten wir hier viele Vogelstimmen im Frühlingswald. Es roch stark nach frischem Birkenlaub und wildem Rosmarin. Ein kleiner Bach jagte lustig sein klares Wasser zum nahen Fluss Kastowka. Ich schlummerte ein. Mein Kater schnurrte mir eine uralte, für mein Alter nicht ganz angebrachte, Geschichte vor:

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Vor langer, langer Zeit, als noch das Zarenreich existierte, zelteten hier in der Nähe die Roma. Eines Abends bekam das fahrende Volk Besuch von dem nahe gelegenen Dorf Kastowo, wo seit geraumer Zeit der Familienklan Kastow, eines reichen Kaufmanns, ansässig war. Daher der Ortsname. Es waren junge russische Burschen und Mädchen, die sich für das zigeunerische Leben interessierten. Spontan begann eine lustige Show unter dem freien Himmel. Unter der Begleitung der Gitarristen tanzten und sangen die jungen Romnis ihre wehmütigen und sehnsuchtsvollen Lieder. Zwischen ihnen stach ein junges Mädchen besonders hervor. Sie war nicht schön im klassischen Sinne. Aber ihre leicht asymmetrischen Gesichtszüge vermittelten eine ungeheure Wildheit, wobei ihre pechschwarzen schrägen Augen diesen Eindruck noch bekräftigten. Ihre ungewöhnlich freche Körpersprache, zusammen mit ihrem lauten, hinreißenden Gesang, konnten jeglichen Burschen umhauen...

Besonders stark war die Wirkung der jungen Romni auf den blauäugigen Dubow, einen jungen Russen, der unaufhaltsam auf sie stierte. Als die Tänzerin das bemerkte, rückte sie an ihn heran und sang mit ihrer tiefen Stimme folgendes Liedchen:



Liebe mich! Fürchte mich!
Hab keine Ruh!
Bist du für immer verloren!

Feurige Nächte erlebst du mit mir!
Saug ich dich aus ohne Gnade!
Kraftlos und willenlos
flehst du mich an,
aber es gibt kein Entkommen!

Liebe mich! Fürchte mich!
Hab keine Ruh!
Bist du für immer verloren!

Hämmert mein Herz
auf dein Herz pausenlos!
Sind wir verbunden auf ewig!
Wirken die Fesseln recht qualvoll und süß!
Mach ich mit dir, was mir einfällt!

Liebe mich! Fürchte mich!
Hab keine Ruh!
Bist du für immer verloren!

Nach diesem Gesang sprang Dubow auf und wollte die Verführerin an den Hände fassen. Aber die junge Romni war schneller und sprang aus dem Tanzkreis in die Dunkelheit hinein. Der junge Russe jagte ihr nach...

Unheimlich wirkte der sommerliche Urwald auf Menschen, besonders nachts. Obwohl Dubow die Gegend ziemlich gut kannte, brauchte er einige Zeit, um sich an die Dunkelheit im Dickicht zu gewöhnen. Er lauschte und vernahm ein schwaches Geräusch unweit vor ihm. Leise schlich er sich heran. Plötzlich befreite eine Wolke den nächtlichen Himmelskörper. Der Mond erhellte eine biegsame Gestalt, die sich an eine Birke angelehnt hatte. Nebenan floss froh und fleißig der Bach Pitschewo. Als der Bursche sich dieser Stelle näherte, erkannte er das Objekt seiner Begierde. Die junge Romni hatte wohl schon auf ihn gewartet. Mit gewisser Ungeduld sprach sie zu ihrem Verfolger: „Na endlich! Es hat aber ziemlich lange gedauert, bis du mich gefunden hast. Komm und befreie mich von den lästigen Mücken. Die fressen mich noch auf und dann bleibt nichts für dich übrig!“ Schnell zog Dubow seine Jake aus und bedeckte die schmalen Mädchenschultern. Dabei stolperte er ungeschickt über eine unsichtbare Wurzel. Er wäre bestimmt gestürzt, wenn nicht zwei flinke Mädchenhände ihn aufgefangen hätten. Im Nu presste die Retterin den unbeholfenen Burschen an ihre heiße, pochende Brust. Doch die unerwartete Last war auch für sie zu schwer. Sie verlor ebenfalls das Gleichgewicht und - siehe da! Beide kullerten kreischend ins Erlengebüsch...

Noch erhitzt von der unerwarteten Nähe zueinander, saßen sie beisammen am Bachufer und schauten sich gegenseitig neugierig an. „Wie heißt du, Bursche?“, fragte sie. „Mischa“, antwortete er und erfragte ihren Name. „Pryanka“, stellte sie sich vor. „Ich habe noch nie einen solchen Namen gehört“, sagte Dubow. „Und ich habe noch nie einen solchen Tollpatsch getroffen“, lachte die junge Romni und ehe der Bursche sich´s versah, umarmte sie und küsste ihn gierig auf den Mund. Dann gab es kein Halten mehr und bald bekamen die Mückenschwärme viel mehr freie Flächen zum Festmahl geboten...

Der Mond schob sich aus Diskretion hinter die Wolken. Bald darauf erklang Pryankas Stimme: „Nun genug, Mischa! Ich spüre nur noch die verdammten Moskitos und nicht dich! Verjag die Biester, oder geh zum Teufel!“ – „Aber, aber was kann ich denn dafür?“, stammelte der Bursche niedergeschlagen und versuchte mit abgerupften Birkenzweigen die lästigen Moskitos zu verscheuchen. Vergebens! Die Blutsauger stachen erbarmungslos zu, dabei summten sie ihr Siegeslied. Pryanka schüttelte entsetzt die Mücken samt dem ungeschickten Jungen von sich ab und verschwand in der Dunkelheit. Mischa Dubow blieb verwirrt zurück. Der schallende Gesang des Pirols verkündete bald darauf den frühen Morgen...

In der Frühe zogen die Holzfäller in den Forst hinein, um ihrer schwere Arbeit nachzugehen. Unter ihnen machten sich die drei Brüder Kastowa bemerkbar, indem sie lustige Schnaderhüpfel sangen. Sie amüsierten sich ganz prächtig, da sie zuvor beim Frühstück ein Schnäpschen zu sich genommen hatten. Als sie nun den Bach Pitschewo überquerten, purzelte aus einem Erlenbusch Mischa Dubow heraus. Seine Kleidung war zerknittert, sein Gesicht von Mückenbissen geschwollen. Als ihn seine Kameraden sahen, brachen sie in lautes Gelächter aus. „Na! Hat die Romni dich ausgequetscht und im Busch wie einen Lappen zurückgelassen! Du ärmster! Komm her, wir werden dich trösten!“, so kam es von allen Seiten. Mischa war es mächtig elend zumute. Er wusste, dass die drei Brüder Kastowa am Tag zuvor mit ihm bei den Romas gewesen waren. Aber sein bedrücktes Gemüht verflog allmählich, sobald er aus der hingereichten Flasche einen kräftigen Schluck nahm. Um seine Kumpanen zu beschwichtigen, sagte Mischa mit Courage: „Ach was! Nicht Pryanka hat mich, sondern ich hab sie verlassen! Solche Göre kann ich noch jederzeit woanders finden!“ Die Burschen wussten, dass er ihnen was vormachte, aber seine Einstellung gefiel ihnen und sie versuchten ihn weiter aufzuheitern, in dem sie ihm noch ein Gläschen Wodka spendierten. Zusammen sangen sie:


Kräftige Burschen
sind wir allemal.
Arbeiten spielend
mit frohem Gesang!

Klingende Beilchen,
hacken hinein.
Singende Sägen
fällen den Baum.

Fröhliche Mädels
zwinkert nur zu.
Bringen zum lachen
und weinen wir euch!

Tollkühne Burschen
Sind wir allemal!
Zechen und tanzen
Ganztags und Ganznachts!

An dem folgenden Abend, auf dem Nachhauseweg, besuchte Mischa Dubow das Roma-Lager wieder. Diesmal wollte er sich mit Pryanka aussprechen. Doch er fand sie nicht. Wen er auch fragte – keiner wusste von ihrem Aufenthaltsort. Schließlich traf er einen kleinen Jungen, der angeblich eine Auskunft geben konnte, aber er verlangte dafür Geld. Dubow gab ihm einige Münzen und der Roma-Junge flüsterte ihm zu: „Meine Schwester ist heute mit anderen Wahrsagerin nach Kastowo gegangen.“ Dubow eilte ins Dorf, um da seine Liebste zu treffen. Doch da wartete auf ihn eine böse Überraschung. Die Roma-Frauen, unter denen auch Pryanka war, hatte man kurzer Hand im Polizeirevier eingesperrt. Als Dubow den zuständigen Dorfpolizisten ansprach, um zu wissen weshalb man die Wahrsagerinnen verhaftet hatte, antwortete dieser: „Die verfluchte Weiberpack war in den Ausspannhof eingedrungen, hat die Bediensteten mit ihren Wahrsagereien abgelenkt, um den Roma-Burschen zu ermöglichen einige Pferde aus dem Stall zu stehlen. Daraufhin hatte man die Weiber in eine Scheune gesteckt und Wachen aufgestellt. Die Pferdediebe werden wir schon schnappen. Ein Suchtrupp wird mittlerweile zusammengestellt, um morgen früh in Richtung des Roma-Lagers aufzubrechen. Wenn du Lust hast, kannst du auch mitmachen. Ich habe gehört, dass du dich mit Roma-Mädels ganz gut auskennst, ha, ha“, grinste der Polizist zum Schluss. Dubow spürte wie ungewollt Wut in ihm aufbrodelte. Diesen Schurken in Uniform hatte er noch nie gemocht. Am liebste hätte er ihm die Fratze poliert. Der Beamte bemerkte, wie der Bursche ganz rot im Gesicht wurde. Das wollte der Polizist ausnutzen und machte unerwartet einen Vorschlag: „Beruhige dich, Mischa, ich habe es nicht böse gemeint. Komm, ich lasse dich zu den eingesperrten Frauen rein. Vielleicht sind sie dir bekannt. Dann sprich mit ihnen und finde heraus, wer die Pferde gestohlen hat.“ Dubow fasste sich und nickte. Als er in die Scheune eintrat sah er sofort den leuchtenden Blick, der aus dem halbdunklen Raum auf ihn gerichtet war. „Pryanka!“, rief der junge Mann instinktiv und lief auf das Mädchen zu. Die anderen Frauen wichen zur Seite. „Mischa“, flüsterte die junge Tänzerin und fiel ihm weinend um den Hals. Der Bursche umarmte sie stürmisch und liebkoste sie zärtlich. Wo war ihr Hohn und Spott gegen ihn nur geblieben? Im Nu hatte sich die launische Romni in ein liebendes, hingebendes Mädchen verwandelt. „Du holst uns doch von hier raus! Ja, mein heiß geliebter Schatz?“, flüsterte Pryanka und küsste sein Gesicht heftig ab. Mischa fühlte ein zunehmend gewaltiges Verlangen zu diesem bezaubernden Geschöpf. Er fühlte in sich solch eine Kraft! In diesem Moment hätte er im Nu die Scheune auseinander nehmen können. Er sprang schon auf, um die Außenwand, die aus dicken Brettern bestand, durchzubrechen. Durchaus wäre dieses Vorhaben auch gelungen, zumal sein kräftiger Körperbau keinen Zweifel zuließ, doch Pryanka und die anderen Frauen hielten ihn zurück. „So doch nicht! Der Polizist wird Alarm schlagen und dann sind wir alle verloren! Geh raus und setze ihn außer Gefecht! Aber mach dabei kein großes Geräusch bitte!“

Besonnen nachzudenken, war nicht gerade Dubows Stärke. Diesmal forderte das Schicksal jedoch eine Ausnahme. Als Mischa aus der Scheune kam, leuchtete ihm ein perfekter Plan ein. „Die Weiber haben gestanden. Morgen haben wir die Übeltäter!“, sagte er zu dem Dorfpolizisten, der gerade dabei war in der Dienststube des Polizeireviers einer Mahlzeit einzunehmen. Der freute sich über solch einen Ermittlungsausgang und bat Dubow Platz zu nehmen, um mit ihm ein Gläschen zu trinken. Dem Burschen kam das ganz und gar gelegen, da in ihm nach dem ersten Glas Wodka plötzlich eine russische Weisheit aufblitzte: Mach den Gegner besoffen und hau ihm auf die Schnauze...

Als dann am frühen Morgen der Suchtrupp mit den drei Brüdern Kastowa an der Spitze in dem Polizeirevier eintraf, um die nötigen Instruktionen einzuholen, fanden sie den Dorfpolizisten auf dem Boden stinkbesoffen und mit einer vermöbelten Fratze. Die Scheune war leer. Fluchend jagten sie in den Wald Richtung Roma-Lager. Dort stellten sie mit Entsetzen fest, dass die Romas mit all ihrem Hab und Gut längst abgehauen waren. Nach einigen vergeblichen Versuchen sie einzuholen, wurde die Verfolgung eingestellt. Bald darauf bemerkte man, dass auch Dubow aus dem Dorf spurlos verschwunden war. Seine Mutter Darja war ratlos, sie wusste nicht, was ihrem Mischa zugestoßen war. Schließlich ging sie zu dem Dorfpolizisten, um Auskunft über ihrem geliebten Sohn einzuholen. Der war gerade dabei seine verkaterte Stimmung loszuwerden, in dem er ein Wasserglas Wodka in sich hinein schüttete. Laut räuspernd, schob er hastig eine Salz-Dill-Gurke in seinen schlabbernden Mund und erzeugte dabei ein saftiges Geknirsche. Sein zerschlagenes Gesicht war rot und blau angelaufen. Mit ihm saßen auch die drei Brüder Kastowa und zechten ausgiebig. Als Darja reinkam, brüllte der Dorfpolizist: „Ha! Alte Schachtel! Wo hast du deinen verdammten Mischka versteckt? Her mit ihm! Sieh mal, was er mit mir gemacht hat! In den Kerker mit ihm!“ – „Nein, das kann nicht sein! Gott bewahre! Mein Mischa kann niemanden was antun! Das schwöre ich!“, erwiderte die Frau heftig. Dann fasste sie noch mehr Mut und fuhr vorwurfsvoll fort: „Schäme dich, Matweitsch, solchen Unfug über mein Söhnchen zu sprechen! Saufe nicht so viel und suche ihn lieber! Ich habe die ganze Nacht allein durchgeweint und mein Mischenjka ist noch immer nicht da! Wo kann er nur sein? Helft mir doch, liebe Leute!“ Bei den letzten Worten heulte sie laut auf und schlug die Händen über dem Kopf zusammen während sie zu Boden sankt. Die Brüder Kastowa sprangen auf, griffen der Frau unter die Arme, setzten sie auf die Bank und versuchten sie zu beruhigen. Dann ergriff der Sachar, der älteste der Brüder, das Wort: „Wahrscheinlich hat Mischa die Weiber befreit und ist mit ihnen geflohen. Hast du wohl, Darja, nicht gewusst, dass dein Söhnchen in eine Tänzerin verknallt ist? Nun nehme ich an, er hat sein Glück bei der Roma gefunden. Wenn er aber irgendwann hier wieder auftaucht, dann kann er was erleben. Um alles wieder gut zu machen muss er uns dann schon einen Eimer starken Samogon spendieren. So kannst du, Darja, schon mal anfangen das Zeug zu brauen. Nun zu dir, Matweitsch. An deinem Missgeschick bist du selber schuld. Man kann schon saufen, den Überblick jedoch sollte man dabei nie verlieren. Auf diese Regel trinken wir nun noch einen!“ Der Dorfpolizist nickte schweigend und kippte noch ein Glas in seinen Schlund hinein. Er hatte Respekt vor den Brüdern Kastowa, da sie aus einer wohlhabenden Familie kamen. Ihr Vater war zudem auch noch der Dorfälteste, gewissermaßen sein Vorgesetzter. Darja hatte sich inzwischen beruhigt und ging nach Hause. Wenn das zutrifft, was Sachar Kastow gesagt hat, dann warte ich einfach ab. Wenn mein Mischa genug von der Romni hat, kehrt er bestimmt heim, dachte sie sich...

Mein Kater hörte auf zu schnurren, sprang mit wildem Geschrei aus meinen Armen über den Wagenrand und raste in den dunklen Wald hinein. Mit einem Ruck aus meinem Traum gerissen, schaute ich meinen zotteligen Liebling verdutzt hinterher. Dabei spürte ich, wie zwei große Tränen aus meinen weit aufgerissenen Augen herabrollten. „Dies ist „GlubokijOmut (Untiefe)“, die vorletzte Stelle vor unserem Ziel", bemerkte mein Bruder Jakob und zeigte auf eine Biegung des Flusses Kastowo, wo das Wasser sich in einem bedrohlichen Strudel drehte. Mein Kater war ausgerechnet an dieser Stelle aus dem Wagen gesprungen. In höchster Aufregung beäugte ich das unruhige Gewässer und mir wurde schwindlig. In meinem hochsensiblen Köpfchen entwickelte sich die unvollendete Geschichte weiter...


Nach den vorherigen Ereignissen waren einige Jahre verstrichen. Im Dorf Kastowo konnte sich schon kaum jemand an die Roma und den Pferdediebstal erinnern. Die Russen sind nicht nachtragend. Nur die alte Darja sehnte sich noch immer nach ihrem Sohn, der seit seiner Flucht mit dem fahrenden Volk kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben hat. Doch eines Tages, unweit von Kastowo, traf eine Gruppe von Holzfällern eine männliche Gestalt in einem abgetragenen, verzierten Lederwams und einem alten Hut mit breiter, zerfetzter Krempe. Über seiner Schulter hing ein buntgeflickter Reisebeutel. Als er näher kam, erkannten die Brüder Kastowa, die die Holzarbeiter anführten, keinen anderen, als den verschollenen Mischa Dubow. Der erkannte sie auch und nun flog die Freude des Wiedersehens hoch! Dabei kam es niemandem in den Sinn, den Findling der früheren Untaten zu beschuldigen. Die Burschen umarmten Mischa und überhäuften ihn mit Ausrufen und Fragen: "Wo warst du denn so lange? Wo ist deine Romni geblieben? Wieso hast du dich so lange nicht blicken lassen? Was hast du jetzt vor?" Es dauerte eine ganze Weile, bis Dubow zu Wort kam. Erst als den Holzfällern die Puste ausging, machten sie ein Feuer, bildeten einen Kreis, holten aus ihren Taschen ihre Essensvorräte heraus, verteilten sie und tranken ihren Selbstgebrannten. Dann hörten alle gespannt zu, was Mischa zu berichten hatte. Und in der Tat hatte Dubow einiges zu erzählen:

Als ich damals mit den Romas weiter zog, heiratete ich bald darauf die eigenwillige Pryanka. Die junge Tänzerin übte auf mich ihren Einfluss in solch großen Maßen aus, dass ich sehr schnell alle mögliche Sitten und Gewohnheiten des fahrenden Volkes übernahm. Ich las jeglichen Wunsch von den animalischen Lippen meiner Pryanka ab. Ich träumte von ihr, ich atmete sie ein. So vergaß ich nicht nur mein Heimatdorf Kastowo, mein früheres Dasein, sonder sogar meine eigene Mutter. Noch mehr achtete ich auf meine Familie, als wir Nachwuchs bekamen. Unsere kleine Tochter nannten wir auch wie ihre Mutter: Pryanka. Im Rausch des unvorstellbaren Glücks verstrichen die folgenden Jahre schnell. Auch die Sippe der engen Angehörigen meiner Frau respektierte mich. Aber irgendwann merkte ich, dass Pryanka immer weniger Interesse an mir zeigte. "Ach du elender Langweiler!", sagte sie zu mir und suchte immer öfter die Gesellschaft anderer lediger Männer und Frauen auf, mit denen sie tanzte und sang. Mir war bewusst, dass ich ihr nicht genug war. In meiner Beziehung zu Pryanka war ich immer seltener gut drauf. Im Nachhinein wunderte es mich, wie ich es bis dahin geschafft hatte, meine Frau mit ihrem ungezügelten Temperament nicht schon längst an einen hitzigen Roma-Burschen verloren zu haben. Vielleicht hatte Pryanka vor mir einfach keinen Richtigen aus ihrer Reihe angetroffen. So oder so fühlte ich mich von meiner noch immer heißgeliebten Frau vernachlässigt und in mir loderte das bis vor kurzem noch unbekannte Feuer der Eifersucht. Ich begann meiner Frau abends nachzuschleichen, wenn sie sich zum Tanzen und Singen mit ihren Gleichgesinnten traf. Die kleine Pryanka blieb in solchen Fällen immer zu Hause zurück. Ich brachte sie zuerst ins Bett, dann ging ich wieder zu den Tanzenden und beobachte wie meine Frau mit einem neuzugezogenem Rom liebäugelte. Eines Abends konnte ich die Schmach nicht mehr aushalten. Ohne was zu sagen ging ich direkt zu dem Rivalen und drosch kräftig auf ihn ein. Und obwohl der Bursche auch stattlicher Statur war, hatte er wenige Chancen gegen mich. Mir halfen die glühende Wut und die große Kraft, die ich als Holzfäller besaß. Nach einigem Ringen gab der Gegner auf und lief davon. Die übrigen anwesenden Vertreter des fahrenden Volkes beobachteten diese Szene mit großem Lärm und Getöse, lachten den Verlierer höhnisch aus und lobten mich für meine ungeheure Kraft. Pryanka zwinkerte mir zu und ließ eine ziemlich giftige Bemerkung fallen: "Oh! Du mein treues Mannsbild, schade, dass dir solche Kräfte unter deinem Gürtel fehlen" und verschwand von der Tanzfläche.

Einige Tage später trat Pryanka mit ernster Miene und demütigem Blick vor mich und sagte: "Ich entschuldige mich bei dir für mein übles Benehmen und schlage vor, mit dir nach Kastowo, zu deiner Mutter zu reisen - schon morgen früh. Du hast sie doch so lange nicht gesehen! Unsere Tochter lassen wir vorerst hier bei meiner Tante. Was sagst du dazu?" Mir verschlug es die Sprache. Ich erkannte meine Frau nicht wieder! Mit Tränen in den Augen sagte ich zu, umarmte meine Pryanka und liebkoste sie.

Mischa unterbrach seine Erzählung, atmete tief ein und schaute die Zuhörer an. Die gaben ihm ermunternde Zeichen und forderten ihn auf, zwischendurch noch ein Gläschen zu sich zu nehmen. Das tat gut. Dubow räusperte sich und fuhr fort.


Bald darauf brachen wir mit einem Pferdewagen auf. Es war damals nur ein Tagesmarsch bis wir an dem Fluss Kastowka, unweit von Iwanjkowo ankamen. Und obwohl es schon dämmerte, hätte man noch am gleichen Tag das Dorf Kastowo erreichen können, da nur noch knapp sechs Kilometer entlang des Flusses übrig waren. Aber Pryanka wollte unbedingt am Ufer rasten und bat mich ein Nachtlager einzurichten. "Wir sind heute zu erschöpft, um weiterzufahren. Morgen früh legen wir nach Kastowo los und besuchen deine Mutter", versuchte sie mich zu überzeugen. Ich wollte zuerst widersprechen, aber dann gab ich nach. Einen neuen Streit anzufangen hatte ich nicht vor. Also sammelten wir Trockenholz und machten ein Feuer am Rande eines steilen Ufers. Unten rauschte das viele Wasser. Nach einer Regenwoche war der Pegelstand im Fluss kräftig gestiegen. Ich wunderte mich wieder, als ich sah, wie meine Frau fleißig das Abendessen zubereitete. Aber besonders überrascht wurde ich, als ich merkte, dass Pryanka eine große Flasche Samogon aus ihrem Beutel zog. "Was soll das sein? Wir werden uns hier doch nicht besaufen?!", fragte ich erstaunt. "Warten wir doch bis morgen, wenn wir schon am Ziel sind. Dann können wir gemeinsam mit meiner Mutter und anderen Gästen feiern." Aber Pryanka hörte mir gar nicht genau zu und goss das kräftige Zeug schon in einen Becher den sie mir reichte. Selbst nahm sie auch ein Glas und stieß mit mir an. "Auf unsere Zukunft am rauschendem Fluss!", rief sie und wir tranken. Der selbstgebrannte Schnaps schmeckte irgendwie ungewöhnlich. Ich vertrage eigentlich viel von diesem Zeug, aber damals haute es mich schon nach dem ersten Becher um. Ich merkte nur, dass meine Frau ihr Glas ins Feuer schüttete und anfing, wild herumzutanzen und zu singen. Mein Verstand benebelte sich. Ich wollte noch fragen, was das alles sollte, aber brachte es nicht über die Lippen. Das letzte, was ich hörte, war die irre Stimme meiner Frau: "ProschajmojMuschenjok! Wolnimenjasowut! Lebe wohl, mein Mannsbild! Die Wellen rufen mich!" Dann schlossen sich meine Augen und ich hörte nur noch das Rauschen des Wassers. Danach fiel ich ins Delirium.

Als ich im Morgengrauen aufwachte, konnte ich zunächst meinen schweren Kopf nicht heben. Als ich dann nach einer Weile doch wieder aufstehen konnte, rief ich nach meiner Frau, aber die war nirgendwo zu sehen. Verwirrt schaute ich mich um. Mit Entsetzen stellte ich fest, dass unser Pferd samt Wagen verschwunden war. Verzweifelt suchte ich nach irgendeinem Hinweis und bemerkte einen Papierfetzen neben meiner Lumpendecke. Verwirrt schaute ich auf das analphabetische Gekritzel. Mit Mühe las ich: „Ja Reka...Ich Fluss...“ Mir wurde augenblicklich schwarz vor Augen und ich sackte auf den Boden. Als ich zu mir kam, schien schon die Sonne. Ich erhob mich schleppend und stolperte zum Wasserrand. Von dem Anblick des schnell jagenden Stroms wurde mir wieder schwindelig. Ich klammerte mich an einem Baumstamm fest und schaute flussabwärts. Da merkte ich einen krummen Ast, der aus dem reißenden Strom hervorragte. An seiner Spitze baumelte was Buntes. Ich schaute genauer hin und erstarrte. Das war Pryankas Schal. Schon wieder wurde mir schlecht. Nur ein Ruck und ich könnte meiner Frau in die Fluten folgen. Im letzten Moment jedoch blendete sich in meinem verkaterten Gehirn das Bild meiner Tochter, der kleiner Pryanka, ein. Ich riss mich mit Mühe zusammen und machte kehrt. Nun wollte ich zurück zum Roma-Lager. Mir war jedoch bewusst, dass es zu Fuß ziemlich lange dauern konnte und ich beschloss nach Kastowo zu gehen, um meine Mutter endlich zu sehen und dann ein Pferd bei meinen früheren Bekannten zu borgen, um meine Tochter abzuholen. Nun bin ich auf euch gestoßen und bitte um Hilfe.

Die Holzfäller waren gerührt von dem Schicksal ihres Kameraden
und rieten ihm zu dem nächstem Försterpunkt zu gehen, um mit ihrer Empfehlung, die sie in Eile auf einem Blatt Papier verfassten, ein Pferd zu mieten.

Dubow dankte herzlich und begab sich in die besagte Richtung. Als er ungefähr nach einer Stunde die Bude des Försters erreichte, sah er schon vom weitem jemanden auf einem Pferd in seine Richtung galoppieren. Dubow schaute gebannt hin und glaubte zu träumen, als er in der ziemlich jungen Reiterin, keine andere, als seine Tochter erkannte. Die Freude des Wiedersehens war enorm! Die junge Pryanka stoppte ihren Braunen, sprang keck vom Sattel ab, stürmte auf ihren Vater zu und fiel ihm um den Hals. Überwältigt vom unverhofften Wiedersehen, gingen die beiden in das Försterhaus und überhäuften sich gegenseitig mit Fragen. Es stellte sich heraus, dass an demselben Tag, als Dubow mit seiner Frau abreiste, die Roma ihr Lager auflösten und in eine unbekannte Richtung abhauten. Die kleine Pryanka wollte jedoch nicht mitfahren, sondern ihre Eltern suchen. Sie kannte ein sehr kluges Pferd, das irgendwann in Kastowo als Fohlen gestohlen worden war. Die schlaue kleine Pryanka hatte zuvor von den Erwachsenen gehört, dass dieses Pferd noch immer wusste, wo Ihr Heimatdorf lag. Da schwang sie sich auf dieses Tier, das tatsächlich mit ihr davon jagte. Zum Glück wurde das Verschwinden von der kleinen Pryanka nicht sofort bemerkt. Das kleine Mädchen konnte gut reiten und vertraute ihrem Braunen, der selbstbestimmt eine Richtung einschlug...

Nun begabten sich Vater und Tochter nach Kastowo. Mischa fand dort seine lang ersehnte Mutter wieder und die kleine Pryanka ihre Großmutter. Zu dritt konnten sie den Verlust der großen Pryanka leichter verkraften. Irgendwann kam eine zweifelhafte Kunde, dass sie damals gar nicht in den Fluss gesprungen war, sondern mit ihrem Liebhaber abgehauen sei. Der bunte Schal im Fluss wurde angeblich nur zur Ablenkung von ihr zum Abschied hereingeworfen. Aber dieses Gerücht blieb nur ein Gerücht und konnte niemals bestätigt werden.







Bildnachweis für das Foto "Lagerfeuer" © web_R_by_Jürgen Helmut Dürr_ pixelio.de

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