Schriftsteller Heinrich Rahn


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Elviras Rückkehr

Kurzgeschichten

Elviras Rückkehr

(Um Elviras Rückkehr auf russisch zu lesen, klicken Sie bitte auf die Blume.)

Vor langer Zeit wanderte in den mondschattigen Tälern von Andalusien ein seltsames Geschöpf. Es war eine wundersame Frau, sehr geheimnisvoll. Ihr Name war Elvira. Donna Elvira, so nannte man sie in der Öffentlichkeit. Niemand konnte diese Frau genau beschreiben. Sie besaß flüchtige Züge einer Gazelle und Hibiskusblume. Sie bewegte sich so leicht, wie ein Wind in den Olivenhaien...
Ihre Herkunft war verschleiert und ungewiss. Es gab Gerüchte, dass Elvira eine Enkelin des Sarabandus, eines alten Zauberer war. Andere sagten, sie sei ein Gebilde des freien Künstlers Chimenes, der die Macht über sein Werk verloren hatte. Einige waren sogar überzeugt, sie stamme aus einem fürstlichen Hause...
Mein unruhiger Geist wollte sich unbedingt in jene mittelalterliche Zeit versetzten und die legendäre Elvira aufsuchen und erleben. Ich hatte einen wichtigen Grund mich auf solch eine ungewöhnliche Reise zu begeben.


Denn mein gegenwertiges Ein und Alles trug denselben Namen und ihr Wesen-Universum bestrahlte kraftvoll und rätselhaft mein unvollkommenes Gemüt. Fasziniert von dieser Erscheinung, hatte ich keine andere Wahl, als der Sache auf den Grund zu gehen. Ich wollte das frühere Leben meiner wiedergeborenen Elvira als faszinierende Persönlichkeit erforschen. Und dieser Wunsch versetzte mich in die weite Vergangenheit, nach Andalusien, in die gewundenen Täler Guadalquivirs.
Nun ritt ich, geistesverbunden, mit dem freien Künstler Enrique Chimenes auf einem Esel Richtung Cordoba. Dort hoffte ich Arbeit zu finden, zumal ich etwas knapp bei Kasse war. Es ist doch gut möglich, so dachte ich, dass die wohlhabenden Bürger der Stadt interessiert daran waren, meine Dienste in Anspruch zu nehmen. Ehrgeiz ist die beste Voraussetzung für einen unsinnigen Wunsch sich in Wort und Bild zu verewigen. Porträtieren war meine Spezialität. Mit diesem Gewerbe hielt ich mich mehr oder weniger gut über dem Wasser. Also trabte mein Esel mit mir dem Abend entgegen. Der Weg lief entlang des Guadalquivirufers, der mit undurchdringlichem Gehölze gesäumt war. Diese Gegend galt als gefährlich. Oft gab es dort Räuberüberfälle. Und dabei ging es nicht unbedingt um reiche Beute. Die Angreifer waren selbst so arm, dass sie sogar auch einfache Reisende überfielen, die dadurch ihr letztes Hab und Gut verloren. Und was hat` ich schon zu verlieren? Den Esel vielleicht. Kaum hatte ich es gedacht, da knallte es schon im Gebüsch und ein halbes Duzend Halunken stürzte sich auf meine Wenigkeit. Instinktiv zog ich meinen winzigen Degen und fuchtelte wild um mich herum, dabei schrie ich aus vollem Halse: „Weg, ihr Schurken! Ich habe sowieso nichts für euch!“ Da lachten die Lumpen und brüllten: „Bringen wir ihn erstmals um, dann schauen wir mal!“ Solch eine blöde Taktik gefiel mir ganz und gar nicht. Ich stieß mutig zu und verletzte einen üblen Burschen so, dass sogar etwas Blut floss. Da riefen die anderen: „Jetzt machen wir dich fertig!“ Und holten mit ihren Knüppeln aus. Ich wehrte mich heftig, aber mein dünner Degen brach ab. In diesem Augenblick erschien ein alter Mann in einem sonderbaren violetten Mantel und schrie: „Halt!“ Wie vom Blitz getroffen, zuckte die Bande zusammen und jaulte und wimmerte benommen: „Oh! Oh! Sarabandus, Sarabandus!“ Und weg waren die Räuber. Erstaunt schaute ich meinen Retter an und glaubte einem Märchenzauberer gegenüber zu stehen. Große magere Gestalt, langer weißer Bart, ein sonderbarer Stab in den Händen. Dazu noch ein durchringender Blick. Ich wollte mich gerade bedanken, als der Greis mich ohne weiteres ansprach: "Wie ich sehe, junger Mann, bist du ein Maler und hoffentlich noch ein guter dazu. Daher lade ich dich sofort zu mir ein, weil ich deine Dienste dringlichst benötige." Ich wollte noch widersprechen und klar machen, dass ich weiter reisen musste, aber der alte Herr zog mich unwiderruflich in seinen Bann und zwar so heftig, dass ich keine andere Wahl hatte, als kleinlaut zuzusagen. Stumm und ergeben folgte ich meinem sonderbaren Auftraggeber und siehe da - aus dem Nichts erschien vor uns eine wundersame Behausung, die es sonst nur wirklich im Märchen geben kann.

Wir traten ein und der Greis bat mich, Platz auf einem alten Sessel zu nehmen. Der Raum war mit verzierten Möbeln vollgestellt. In der Mitte stand ein großer Tisch, der mit einer Unmenge an verschiedenen Fläschchen, Retorten und anderem Zubehör vollgestellt war. Ich ahnte, dass der Wirt wahrscheinlich was mit Alchemie zu tun hatte. An den Wänden hingen irgendwelche alten Gemälde. Meinen zerstreuten Blick merkend, machte mich Sarabandus auf ein kleines Bild aufmerksam. Er bat mich näher zu treten und sagte mit erregter Stimme: "Dies ist das Bildnis von meiner einzigen Enkelin Elvira. Sie verschwand als Kind unter mysteriösen Umständen. Ihre Eltern, meine Tochter und ihr Mann wurden dabei in ihrem Hause tot aufgefunden.

Damals war ich ein wohlhabender Kaufmann. Nach diesem doppelten Schicksalsschlag legte ich mein Gewerbe ab, schwor meine Enkelin zu finden und die Schuldigen hart zu bestrafen. Ich begann meine Rachepläne zu schmieden, kam aber lange Zeit nicht weiter. Es gab einfach keine heiße Spur. Zum Glück hatte ich einen alten Freund, einen Alchemisten, der riet mir, die Kunst der Magie bei ihm zu erlernen. Er überzeugte mich, in dem er behauptete, dass mein Unglück nur finstere Mächte hervor gerufen hatten. Mein Freund hatte eine Vision, die diesen Hinweis gab. Den Kampf konnte jedoch nur ein Angehöriger aufnehmen. So sagte er und ich glaubte ihm. Mehrere Jahre unterrichtete er mich und ich war ein sehr fleißiger Lehrling. So kam es bald dazu, dass ich schon selbstständig magische Substanzen anfertigte und mit Hilfe der Zauberformeln die Geister der Finsternis beschwören vermochte. Dabei erfuhr ich, dass meine Enkelin Elvira tatsächlich von einem dämonischen Zauberer entführt und in ein unbekanntes wildes Tier verwandelt wurde. Dass er auch für den Tod ihrer Eltern Verantwortung trug war auch klar. Auf die Frage, wie man dem bösen Zauber breche, bekam ich eine äußerst undeutliche Vision. Ich sah ein Bild von meiner Enkelin Elvira, das in einem Wald nachts bei Vollmond aufgestellt wird. Dabei hörte ich eine leise Stimme, die den folgenden rätselhaften Satz sagte: ‚Komm zurück so alt wie Bild. ' Dann verblaste die Vision und ich kam zu mir. Verzweifelt erzählte ich es meinem Meister. Der deutete die Weissagung auf seine Art und meinte, es handelte sich um ein Bild von meiner Enkelin im aktuellen Alter. Das Bildnis sollte unbedingt von hoher künstlerischer Qualität sein und so nahe am Original sein, dass es kaum von dem zu unterscheiden ist. Sobald das Portrait im Wald ausgestellt wird, kann man hoffen, dass Elvira als Tier ihr Abbild sieht und sich wieder als Mensch aus tierischem Körper herausschält. Um welche Art von Tier konnte es sich handeln? Darauf fanden wir keine Antwort. Nun, zu dir, mein reisender Künstler, “ sagte Sarabandus zu mir und warf mir einen solch scharfen prüfenden Blick zu, dass ich instinktiv zusammenzuckte: „Du bist der Mann, der Elviras Bild als achtzehnjährige malen wird. Als Vorlage wird dir das Kinderporträt dienen."war sprachlos aber ich spürte, dass ich wohl keine andere Wahl hatte und sagte zu. Sarabandus hatte anscheinend auch keine andere Antwort erwartet. Er lächelte zufrieden und sagte dann mit einer harter Stimme: "Nun junger Mann, du hast richtig entschieden. Eine gegenteilige Antwort hätte für dich bedeutet, dass deine menschliche Existenz damit beendet wäre. Aber keine Angst! Um deine künstlerische Eingebung zu steigern, werde ich dich entsprechend mit meinen magischen Kräften beeinflussen. Ran an die Arbeit!" Ich wollte mich vorher stärken und dann meine Sachen auspacken, aber mein Auftraggeber hatte schon dafür gesorgt, um für die Vorbereitungen keine Zeit zu vergeuden. Augenblicklich erschien vor mir eine Tafel mit kostbarsten Speisen: Ein gebratener Kapaun, Weißbrot, Wein und frisches Obst. Ich hatte einen so gewaltigen Hunger, dass ich im Nu diese reichliche Mahlzeit verputzte. Danach rülpste ich vergnüglich und merkte gar nicht erst, wie ich schon bald darauf zu malen begann. Woher die Palette mit den fertiggemischten Farben, die größte Auswahl von Pinseln stammte, wusste ich nicht. Ich hatte auch keine Zeit nachzudenken. Ich stand schon vor einem schneeweißen Leintuch, das auf einem passenden Rahmen gespannt war und war bereit, die ersten Pinselstriche durchzuführen. Ich blickte auf und sah das Bildnis eines fünfjährigen Kindes, das eine solche gewaltige Aura auf mich ausstrahlte, dass mein ganzes Wesen seelisch explodierte und es löste eine solche kraftvolle inspirierende Wallung aus, dass ich mir sofort vorstellen konnte, wie dieses wundersame Kind als Erwachsene aussehen würde. Vor meinen Augen projizierte das abgebildete Kind eine holografische achtzehnjährige Elvira, die so lebendig und anmutig auf mich schaute, dass ich vor Aufregung fast in Ohnmacht fiel. Ein von außen, wahrscheinlich vom Sarabandus eingeschleuster Gedanke, ich hätte womöglich nicht viel Zeit, brachte mich zu sich. Nun begriff ich, was ich zu tun hatte und begann das Porträt fieberhaft zu meistern. Und obwohl ich mich nicht gerade zu den talentiertesten Malern zählte, wunderte ich mich diesmal, wie geschickt ich mit den Farbenkombinationen und Pinseln umgehen konnte. Außerdem verblüfte mich wie ich in nur paar Stunden das Bild vollendete. Mit kritischem Auge betrachte ich mein Kunstwerk und wollte es mit dem Original nochmal vergleichen. Zu meiner Überraschung jedoch war die holografische Projektion verschwunden. Lediglich das kleine Porträt von Elvira als Kind blieb einsam zurück. Verzweifelt schaute ich mich um und merkte mit Furcht den Zauberer, der mit raschen Schritten auf mich zukam. Ob er zufrieden mit meiner Leistung wär? Sarabandus betrachtete sorgfältig meine Arbeit und sein Gesicht erhellte sich. "Na, junger Mann, das ist genau das richtige Portrait von meiner lieben Enkelin. Ich ahnte schon vorher, dass sie als achtzehnjährige so aussehen würde", sagte er. In dem Moment jedoch vernahm ich dieses Lob kaum, da ich Elviras Bildnis nochmals genau anschaute und fühlte, wie ich mich in diese junge Frau unwiderruflich verliebte. Zu meinem Unglück merkte Sarabandus meinen glühenden Blick und sein Antlitz verfinsterte sich. Aber er sagte nur noch folgendes: "Sicherlich erwartest du, Straßenkünstler, eine angemessene Belohnung. Nun gut. Ich merke, dass dir deine Arbeit auch sehr gefällt, und du wärst sicherlich enttäuscht, wenn das Bild im Wald ausgestellt und plötzlich von Räubern gestohlen wird. Du hast die Ehre, dieses Bild selbst zu überwachen und wirst mir melden, wenn Elvira als Tier hinzu kommt und, laut Prophezeiung, wieder ihre menschliche Gestalt annimmt. Aus Sicherheitsgründen, damit du, junger Mann, deine Aufgabe am besten meistern kannst, sollst du von nun an auch eine angemessene Tarnung als Luchs bekommen." Und ehe ich mich versah, stand ich im tiefen Walde neben dem ausgestellten Portrait von Elvira. Verwundert betrachtete ich mich und, zu meinem Entsetzen, sah ich statt Kleidung nur Fell an mir und ich hatte vier Pfoten, konnte jedoch sogar auf den hinteren aufrecht stehen. Mein Gesicht war auch völlig behaart. Ich schaute in einen nahegelegen Weyer hinein. Das trübe Wasser widerspiegelte eine große Katze. Verdammt! Ich war tatsächlich ein Tier, ein Luchs!


Komisch, aber wahr! Obwohl ich ein Raubtier war, konnte ich jedoch denken wie ein Mensch. Ich stand neben dem Bild von der wunderschönen Elvira und verspürte nichts als einen gewaltigen Hunger. Seit Stunden hatte ich nichts gegessen. Mein tierischer Magen knurrte und verlangte nach Nahrung. Aber welche Art von Nahrung konnte oder sollte ich zu mir nehmen? Verwirrt und verzweifelt schaute ich mich um und in diesem Moment merkte ich aus meinen Augenwinkel einen Hasen, der im hohen Gras schlummerte. Plötzlich explodierte mein tierischer Instinkt und ich schlich mich langsam heran, sprang, ergriff den armen Hasen und ehe ich mich versah - verschlang ich das arme Tier mit Haut und Knochen. In diesem Moment war meine menschliche Vernunft ausgeschaltet. Mein Hunger war gestillt und ich sprang auf eine Schirmkiefer, legte mich auf einen Ast entlang und schlummerte ein. Als ich aufwachte, bekam ich ein schlechtes Gewissen. ‚Was', dachte ich, ‚wenn der Hase in mir auch ein Mensch von früher war. Bin ich womöglich ein Kannibale geworden? Wie grauenhaft! Wie, um Gottes Willen, erfahre ich, dass es nicht so war und ich wirklich einen richtigen Hasen verspeist hatte? ' Verzweifelt schaute ich mich um und hörte ein leises Geräusch im nahen Gebüsch. Es war noch ziemlich dunkel, da die Nacht noch längst nicht vorbei war. Ich lugte von meinem Ast und dank meiner scharfen Katzenaugen musterte ich bald ein Reh, das sich langsam und scheu in Richtung des ausgestellten Bildes bewegte. Mit Entsetzen spürte ich, wie mein tierischer Instinkt mir diktierte, auch dieses Tier zu jagen. Zum Glück hatte ich noch keinen Hunger und meine menschliche Vernunft gewann die Oberhand. Von meinem Ast beobachte ich das weitere Geschehen. Inzwischen starrte das Reh das Bild ziemlich lange an.

Der Mond kam hervor und bestrahlte die Szene. Endlich dämmerte es in meinem halb tierischen und halb menschlichen Gehirn, das jetzt etwas Sonderbares passieren würde. Und siehe da: Das Reh verwandelte sich in eine wunderschöne Frauengestalt, die genau so aussah, wie die auf dem Bild. Ich wollte schreien: Elvira! Aber stattdessen kam nur ein dumpfes Knurren aus meinem Halse. Das hörte die junge Frau, die eben noch ein kleines Reh war. Ängstlich schaute sie sich um, erblickte mich und erblasste.
Verzweifelt schaute sie umher und wollte vermutlich schon um Hilfe schreien. Aber plötzlich erschien auf der Lichtung ein kleiner alter Mann und sprach: "Habe keine Angst, mein Kind. Der Luchs da auf dem Baum ist kein richtiges Tier, sondern ein Künstler, der dieses Bild gemalt hat.

Der böse Sarabandus hat ihn beauftragt es zu erschaffen, um dich als Reh heranzulocken, damit du wieder als Mensch erscheinst. Elvira, mein Kind, du bist jetzt in großer Gefahr! Sarabandus möchte dich in seine Gewalt bringen. Der verdammte Lüstling schreckt ja vor nichts zurück!"

Nach dieser sonderbaren Rede wurde Elvira noch unruhiger und sprach hilfesuchend den alten Mann an: "Wer seid ihr, guter Mann und woher wisst ihr was mit mir geschehen war und was mich weiter erwartet? Und warum soll ich fliehen und wohin?" Der Alte entgegnete energisch: "Für weitere Erklärungen haben wir jetzt keine Zeit. Nur einst sollst du wissen: Ich war der beste Freund deiner verstorbenen Eltern. Mein Name ist Don Pedro. Verschwinden wir lieber. Ich bringe dich, mein Kind, zu einem sicheren Ort." Ich muss sagen, dass diese neuen Erkenntnisse mich erheblich verwirrten. Ich hatte doch vom Sarabandus etwas ganz anderes gehört! Eben gingen diese widersprüchlichen Aussagen mir durch meinen tierischen Kopf, als ich plötzlich eine laute zornige Stimme, die zweifellos meinem Auftraggeber Sarabandus gehörte, vernahm. "Ah! Ah! Pedro, du alter Sack! Du möchtest wohl meine geliebte Enkelin schon wieder entführen! Das wird dir nicht gelingen! Hinfort mit dir!", schrie der Zauberer und fuchtelte mit seinem Stab, von dem sich eine Feuerkugel löste und auf Don Pedro prallte. Der streckte jedoch ruhig seine dürre Hand entgegen und erzeugte einen mächtigen blauen Blitz entgegen. Im Nu verwandelte sich die Feuerkugel in mehrere wunderschöne Schmetterlinge. Elvira zuckte kurz zusammen, aber dann, als die Gefahr vorbei war, schrie sie Sarabandus mit hoher Stimme an: "Halt, halt! Du kannst nicht mein Großvater sein. Der ist schon lange verstorben und der sah ganz anders aus! Und dich kenne ich nicht, böser Mann! Was willst überhaupt von mir?" Darauf erschallte ein höhnisches Lachen. "Ein Jammer, dass du, junges Weib, mich nicht als deinen Großvater anerkennst! Umso besser! Dann solltest du mich künftig als Gebieter und Bräutigam akzeptieren und nicht auf diesen Lump Pedro hören!" Nach diesen Worten wandte er seinen Blick zu mir und schrie: "Los, mein treuer Luchs, vertreibe diesen alten Eindringling!" Ich war erst überrascht, dem allem zuzuhören, dann jedoch kochte es in mir hoch. Wutentbrannt machte ich einen gewaltigen Sprung von meinem Baum und stürzte mich nicht auf Don Pedro, sondern auf Sarabandus. Der hatte keine Chance sich zu wehren. Ich warf ihn zu Boden und grub meine scharfen Pranken in seine Brust und war bereit meine messerscharfen Schneidezähne in seinen aderigen Hals hinein zu hauen. In diesem Augenblick hörte ich: "Halt, halt, mein Tierchen, lass den hinterhältigen Sarabandus noch am Leben!" Als ich diese süße Stimme hörte, blickte ich auf und sah die schöne Elvira neben mir stehen. Ich war entzückt von ihrer Aura. Trotzdem wollte ich widersprechen. Nur zu gern wollte ich diesem widerlichen Zauberer ein Ende machen. Aber statt Worten kam aus meiner Kehle nur unzufriedenes Knurren.

Da trat Don Pedro zu mir, streichelte mein gesprenkeltes Fell und versuchte mich ebenfalls zu beschwichtigen. "Genug! Du hast unserem Peiniger große Angst eingejagt. Aber töten solltest du ihn wirklich nicht, noch nicht! Denk daran, nur er kann dich wieder zum Mensch zurück umwandeln. Leider können wir Sarabandus dazu nicht mit Gewalt zwingen. Wie und wann wir ihn dazu bringen werden, darüber reden wir später. Und jetzt machen wir uns lieber gemeinsam auf dem Weg!", sagte Don Pedro beruhigend. Ungern ließ ich von dem bösen Zauberer ab, der die ganze Zeit ohnmächtig am Boden lag, und schaute unschlüssig vor mich hin. "Komm, mein Tierchen, wir ziehen los!", hörte ich wieder Elviras süße Stimme. Im Nu vergaß ich mein mörderisches Vorhaben, raffte mich auf und sprang freudig den beiden hinterher.


Vor einer kleinen Hütte, unter dem Hang eines von Schirmkiefern und dichten Unterholz bewachsenen Berges, lag ich zu Elviras Füssen. Ich genoss die Nähe meiner Herrin. Sie kraulte mein dichtes Kopfhaar und schaute mich liebevoll an. Ich schnurrte voller Endzücken und schmolz dahin. "Na, mein Tierchen", sagte sie, "möchtest wohl wieder ein Mensch werden? Ehrlich gesagt, mir wäre viel lieber dich als Luchs zu besitzen. Don Pedro meint, dass du früher als Maler mit den Namen Chimenes das Portrait von mir entworfen hattest. Dank dieses Künstlerstücks bin ich wieder zum Mensch geworden. Nun sind wir alle auf der Flucht und ich beneide sogar dich, mein Tierchen. Du kannst jederzeit in der Wildnis verschwinden. Ich bin jedoch auf Hilfe des alten Don Pedro angewiesen, den ich noch wenig kenne und ihn auch im Stillen fürchte. Er ist ja auch ein Zauberer und ich habe Angst vor den mysteriösen Mächten. Nur vor dir habe ich keine Angst, mein süßes Tierchen! Du verlässt mich doch nicht? Nicht wahr?" Als Antwort rieb ich meinen Kopf, wie die Katzen es machen, an ihren Füßen und schnurrte vergnüglich.vergingen einige Wochen. Ich wurde von Elvira verwöhnt. Sie gab mir all dieselben Speisen, die sie und Don Pedro zu sich nahmen. Das waren gebratene Wachteln und Kaninchen in Olivenöl, dazu Schafskäse und Ziegenmilch. Mir war bewusst, dass solche Art Nahrung für einen Luchs recht ungewöhnlich war. Aber im Inneren fühlte ich mich noch immer als Mensch und mir schauderte bei dem Gedanke, wie ich unlängst den armen Hasen mit Haut und Knochen vertilgt hatte. Also, mein tierisches Dasein hätte meinetwegen auch wunderbar verlaufen können, wenn da nicht meine Sprachlosigkeit gewesen wäre. Wie gern hätte ich meiner Angebetete in Worten meine glühende Liebe gestanden. Aber meine Luchskehle konnte außer Knurren und Miauen nichts hervorbringen. Eines Tages erschien Don Pedro, der bis dahin oft auf irgendwelchen Ausflügen abwesend war, lockte mich zu sich und sprach zu mir: "Lieber Chimenes; ich habe leider schlechte Nachrichten für dich. Ich erkundigte mich bei meinen bekannten Alchimisten, die Zugang zu Sarabandus haben. Sie besuchten ihn und erfuhren, dass deine Rückverwandlung zum Mensch zurzeit unmöglich ist. Aber verzage nicht. Ich werde weiter forschen. Vielleicht wird es später auch andere Lösungen geben. Mit diesen Fragen werden wir schon gemeinsam fertig werden. Im Moment plagt mich ein anderes Problem. Mir ist nämlich nicht entgangen, welche Gefühle du zu Elvira hast. Kurz gesagt: du bist in sie über deine beiden Luchsohren verliebt. Du solltest aber wissen, dass du in jetziger Gestalt, sowie auch als Mensch bei einer zukünftigen Rückverwandlung bei Donna Elvira keine Chance hast. Ja, ja! Du hast richtig gehört. Donna Elvira stammt aus einem alten adeligen Geschlecht. Sie weiß das nur noch nicht. Aber bald wird sie das erfahren. Und mehr noch! Von Geburt an war sie einem einflussreichen Manne versprochen. Neulich habe ich schon mit dem künftigen Bräutigam gesprochen und einen baldigen Hochzeitstermin festgelegt. Noch heute Abend wird Donna Elvira das alles von mir erfahren. Das kommt mir auch zugute, da ich sie nicht länger verstecken kann. In der neuen Familie wird sie in Sicherheit gebracht werden." Nach diesen Worten brüllte ich entsetzlich auf und war bereit, mich auf Don Pedro zu stürzen. Der erschrak und wollte schon das Weite suchen. Zum Glück riss ich mich rechtzeitig zusammen. Meine menschliche Seite gewann nur mit Mühe die Oberhand und ich zog mich unter einen Busch beleidigt zurück. Don Pedro merkte das, kam näher und redete zu mir versöhnlich: "Verzeihung, mein Freund. Wir werden diese Missstände schon gemeinsam meistern." Ich knurrte nur unzufrieden.


Einige Stunden trieb ich durch die Wildnis und dachte nach, was ich tun könnte und welche richtigen Schritte ich unternehmen sollte, um mich wieder zum Mensch zu verwandeln. Denn nur so konnte ich mit Elvira sprechen und die Situation klären. Doch noch länger konnte ich auf meine Metamorphose nicht warten. Denn bald würde meine Angebetete verheiratet werden. Daher beschloss ich, sofort etwas zu unternehmen. Noch im Unklaren, was ich machen würde, lief ich zu der Hütte zurück, wo ich glücklicherweise Elvira allein antraf. Als sie mich sah, eilte sie mir entgegen, umschlang meinen behaarten Hals und lamentierte: "Wo warst du denn so lange, mein Tierchen? Ich habe dich schon überall gesucht! Ich wollte dir die neuesten Nachrichten überbringen. Und die sind leider ziemlich beunruhigend. Don Pedro besteht darauf, mich schleunigst zu verheiraten. Er hat für mich schon einen Bräutigam parat, den angeblich meine verstorbenen Eltern schon nach meiner Geburt auserwählt hatten. Als ich das hörte, brach ich in Tränen aus und wusste zunächst nicht, was ich sagen sollte.
Dann brachte ich unter Schluchzen nur einen gequälten Satz heraus: ‚Aber ich möchte keinen heiraten, den ich nicht liebe! ' Darauf antwortete Don Pedro mit belehrender Stimme: ‚Du hast aber keine Wahl, meine Kleine! Ich kann dich nicht mehr von den Bösewichten verstecken. Im Hause deines künftigen Mannes jedoch wirst du gewisse Sicherheit und Wohlstand genießen. Und das Wichtigste solltest du wissen: Du hast kein Recht, dich dem Willen deiner verstorbenen Eltern zu widersetzen. Schon morgen wirst du deinem Bräutigam vorgestellt'. Dann hat er noch erwähnt, dass du, mein Tierchen, dich mit bösen Mächten verbunden hast und daher für mich sogar gefährlich bist. Aber das stimmt doch nicht! Nicht wahr, mein Freund?"

Als Zeichen meiner Ergebenheit, rieb ich meinen Kopf an ihren schönen Beinen. Elvira lachte beruhigt auf und wollte noch was sagen. Leider kam es nicht dazu. Don Pedro entdeckte uns und schrie laut schimpfend: "Hinfort mit dir, du widerliches Tier! Wage es je nicht, die künftige Braut des Don Sebastian mit deiner Anwesenheit zu belästigen!" Ich konnte ja nicht sprechen, um diese Beschuldigungen zu widerlegen. Ich rührte mich nicht vom Fleck und knurrte nur beleidigt. Elvira umarmte mich und schrie entsetzlich: "Hören Sie auf, Don Pedro! Das Tierchen soll bei mir bleiben! Ich liebe es und in ihm den edlen Künstler Chimenes, der mich durch seine Kunst wieder zum Menschen gemacht hat. Und er liebt mich auch und, wenn er sich wieder rückverwandelt, werden wir heiraten. Und sie sind böse, Don Pedro!" - "Das wird nicht passieren!", brüllte Don Pedro und machte eine Handbewegung, um mich mit einem Zauber anzugreifen. Mein tierischer Instinkt reagierte blitzschnell und ich wich dem tödlichen rechtzeitig aus.


Dann stürzte ich mich wütend auf meinen Peiniger, warf ihn um und sprang in das dunkle Gebüsch hinfort. Was ich noch hörte: ein Knall aus der Pistole und danach ein lautes Weinen meiner Elvira. Das war schon zu viel für mich! Rasch machte ich kehrt, entriss die Knarre aus Don Pedros Hand. Dabei zerbiss ich seine Finger. Laut schreiend, flüchtete der alte Mann in die Hütte. Elvira kam schnell zu sich und rief mir zu: "Schnell; mein Tierchen, hauen wir ab!" Das taten wir auch und verschwanden gemeinsam im Wald. Unser Glück war es, dass Don Pedro seine Zauberkünste im Nahkampf nicht benutzen konnte. Als er zu sich kam, schleuderte er uns einen knisternden Blitz hinterher, traf jedoch nicht. Das Geäst über unseren Köpfen fing kurz Feuer und erlosch dann zischend. Wahrscheinlich konnte der böse Zauberer sich wegen seiner Verletzungen nicht genügend konzentrieren. Dieses Missgeschick kam uns zugute und wir flüchteten weiter.


Nun waren wir beide in der Wildnis auf uns allein gestellt. Nach einiger Zeit wurden wir müde und rasteten an einer Berganhöhe. Wir ließen uns in im hohen Gras nieder. Hinter uns hörte der Wald auf, vorne lief eine Bergwiese in ein Tal herunter. Ich schaute Elvira besorgt an und merkte ein längliches Bündel bei ihr liegen. Ich dachte, es seien Lebensmittel und murrte zufrieden in Erwartung einer Mahlzeit. Und die hatten wir dringend nötig, um uns zu stärken. Elvira merkte meinen hungrigen Blick und zerstreute meine Hoffnungen in dem sie sagte: "Tut mir leid, mein armes Tierchen, aber ich muss dich endtäuschen. Ich hatte vor der Flucht an gar keine Nahrungsmittel gedacht. Dies Gegenstück jedoch schien mir sehr wichtig für uns zu sein und ich nahm es mit." Nach diesen Worten löste sie die Verpackung und vor meinen großen Luchsaugen erschien das Bild von Elvira, was ich als Mensch gemalt hatte. Elvira sah mein Erstaunen und sagte vergnügt: "Na, mein Tierchen, erkennst du dein Werk! Damals, als du dem bösen Sarabandus bezwungen hattest, schnappte ich mir dieses Gemälde und rollte es zusammen. Den provisorischen Rahmen aus Holzlatten ließ ich jedoch zurück. Um nichts in der Welt werde ich mich von diesem Prachtstück lösen können! Das ist das einzige Geschenk, das ich von dir besitze, mein Tierchen!" Mir stockte der Atem, als ich das Bild wieder sah. Ich konnte nicht glauben, dass ich wirklich solch ein perfektes Gemälde vollendet hatte. Aber was ich danach sah und hörte, rührte mich zutiefst. Elvira bestrahlte ihr Abbild mit unglaublicher Augenkraft und sprach mit eindrucksvollen Stimme: "Ich erkenne in diesem Gebilde die verdeckte Gestalt des Schöpfers! Enrique Chimenes, ich liebe dich vom ganzen Herzen! Löse dich aus dem Hintergrund und erscheine als Mensch wieder!" Und siehe da! Ein Wunder geschah! Ich als Luchs verschwand und Enrique Chimenes, der Maler schälte sich aus dem Gemälde heraus. Verblüfft schaute er Elvira an, die ihm leidenschaftlich um den Hals viel...


Ich war wieder ein unsichtbarer Geist aus der Zukunft, der sich von Chimenes gelöst hatte. Nun sah ich zu, wie Elvira und Enrique sich küssten. Ich spürte jedoch, dass meine Zeit hier in der Vergangenheit um war. Zum Abschied hörte ich noch Elviras Stimme: "Enrique, kann ich dich wie früher mein Tierchen nennen?" - "Das kannst du, meine Liebste!" Dann sah ich, wie die beiden eng umschlungen den Berghang herunter gingen. In der Ferne war die Stadt Cordoba zu sehen...
"Hallo, du! Wach mal auf", hörte ich die bekannte Stimme. Ich kam zu mir und starrte erstaunt meine Frau an. Sie ähnelte haargenau der Frau aus meinem Traum. "Steh endlich auf, du Schlafmütze! Das Frühstück ist fertig.", sagte sie grinsend. "Ja, ich komm ja schon. Ich hatte einen so echten Traum, in dem ich im Mittelalter als spanischer Maler ein Mädchen getroffen habe, sie hieß auch Elvira. Die sprach genau mit deiner Stimme." - "Na klar! Ich war`s! Wer sonst! Untersteh dich von einer anderen Frau zu träumen! Dann kannst du was erleben!", lachte Elvira und ging in die Küche. Ich stand auf und ging ihr nach. Plötzlich bemerkte ich ein längliches Packet, das in der Ecke des Flurraums abgestellt war. Verblüfft fragte ich, was das sei. "Ach, weiß du, es kam heute früh per Post. Da steht mein Name drauf, kann mich jedoch nicht erinnern, sowas bestellt zu haben. Vielleicht ist es wieder eine Werbung von "Otto", sagte Elvira abschätzig und bat mich dringend zum Tisch. Voller Gedanken aß ich meine Brötchen und wurde immer neugieriger. Etwas an diesem Packet machte mich nervös. Ich konnte kaum abwarten meinen Kaffee getrunken zu haben und eilte die Verpackung aufzubrechen. Es war ein Ölgemälde ohne Rahmen. Ich ahnte was Unglaubliches, rollte es auseinander und schien zu träumen. Mir fehlten die Worte. Nebenan hörte ich: "Das bin ja ich da auf dem Bild. Obwohl ich solch alte Klamotten nach der Mode des Mittelalters nie getragen habe. Wie konnte das passieren? Von mir hat doch niemand ein Bild gemalt! Schauen wir mal auf die Absenderadresse." Es gab aber keine. Unsere Kinder schauten sich auch das seltsame Bild an. "Ich wünschte, ich konnte auch solches Bild von dir malen, Mama!", sagte Artur fasziniert. "Das wäre ja toll! Doch wo kann man solch ein altmodisches Kleid bestellen? Gewiss nicht bei "Otto", entgegnete Lena und schaute uns verschmitzt an.ich mich von dem Schock etwas erholt hatte, untersuchte ich das Gemälde genauer. Ich stellte fest, dass es ziemlich alt war. Bei der näheren Betrachtung konnte man winzige Risse in der Farbschicht entdecken. Unten, in der rechten Ecke fand ich eine schwache Signatur: Enrique Chimenes.

Der Text ist mit freundlicher Genehmigung des LOG - Verlages, Wien abgedruckt.




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gudrun / Fotolia.com; Marianne J. / pixelio.de; Pascal Huot / Fotolia.com; Martina Mühlbauer / pixelio.de; Leif Lücht / pixelio.de; Momo111 / pixelio.de; Dioni / pixelio.de


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